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Liedpredigt EG 83 "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld"

Sonntag Lätare 18.3.2012 Eisenstadt

Gemeindelied EG 83, 1 "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld"

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde!

"Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld"

Es gibt Lieder von Paul Gerhardt, die sind bekannter und gehen leichter ins Ohr.

„Befiehl du deine Wege“ .... „Geh aus mein Herz und suche Freud“ ... „Sollt ich meinem Gott nicht singen“ ...

Das Passionslied, über das wir heute nachdenken und das wir miteinander singen, gehört nicht dazu.

"Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld"

In manchen Gemeinden gehört es zum Traditionsgut der Passionszeit, und es erinnert an die Passionsandachten der Kindheit, in manchen ist es weniger bekannt.

Dieses Lied ist sperrig, kantig. In seinen Bildern, auch in seinen theologischen Aussagen.

Es ist die Theologie des Kreuzes, die Paul Gerhardt hier in ein Lied gefasst hat, vor allem in seinen ersten Strophen.

Ein Mensch wie ein Lamm. Das zur Schlacht-, zur Würgebank geführt wird. Das geopfert wird für die Sünde der Menschen, für unsere Sünde.

Das ist für manche moderne Ohren schwer zu hören und noch schwerer zu verstehen.

„Wegn mir hätt er des net brauchen“ ... hört man da schon gelegentlich ... ich leb ein halbwegs ordentliches Leben und die paar Fehler ... na ja, die hat jeder, die wird der liebe Gott schon großzügig übersehen und nachsehen...

Ein Mensch wie ein Lamm ... Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder .. und dazu gehören wir auch, jeder von uns ...

Einem Zeitgeist, der auf Fun und Event getrimmt ist, ist das gegen den Strich gebürstet ... Peter Hahne hat übrigens vor einiger Zeit ein interessantes Buch geschrieben: „Schluss mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft“ .. aber das nur nebenbei ....

Ein Mensch wie ein Lamm ... Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder .. und dazu gehören wir auch, jeder von uns ...

Ich unternehme gar nicht erst den Versuch, das intellektuell erklären zu wollen ... warum Gott seinen einziggeborenen Sohn hingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (sie kennen den Vers aus Joh. 3,16)...

Diese Frage beschäftigt Menschen, nicht nur Christen, nicht erst sein Anselm von Canterbury im Mittelalter, der das Werk „Cur Deus Homo“ geschrieben hat ... warum Gott Mensch wurde, Mensch werden musste ... und es letztlich genauso wenig erklären konnte wie wir es heute können ...

Das Opfer am Kreuz .. die Vergebung der Sünden ...

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld / der Welt und ihrer Kinder;

es geht und büßet in Geduld / die Sünden aller Sünder;

es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank,

entsaget allen Freuden, es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,

Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod / und spricht: »Ich will's gern leiden.«

Dieses Lied von Paul Gerhardt ist ein musikalisch-theologisches Lehrstück, in dessen Mitte die Christologie – die Lehre von Christus - steht.

Es beschreibt den stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi. Jesus ist in erster Linie nicht der Wunderheiler, das ethisch-moralische Vorbild, nicht der "Bruder" und schon gar nicht ein Held, sondern er gibt sein Leben für die Menschen: Er ist das Lamm, das die Schuld der Welt trägt und die Sünden der Menschen büßt.

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser ....

So singen wir es bei jedem Abendmahlsgottesdienst .. und bitten:

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden.

Und so werden wir es auch heute singen, wenn wir in diesem Gottesdienst miteinander das Hl. Abendmahl feiern.

Diese Verse, und das Bild des Lammes .. in wie vielen Kirchen finden wir sie, auf wie vielen Abendmahlskelchen...

Es mag sperrig sein, für manche altertümlich klingen, wie ein Reibebaum gegen Spaß-Parolen .. aber es handelt sich hier um ein Herzstück christlicher Theologie, das im Protestantismus noch einmal besonders unterstrichen wurde.

Und es ist schon beeindruckend, wie Paul Gerhardt hier die Passion als Leidensgeschichte nahe bringt. Hier spürt man den Dichter und den Theologen.

Wer sich ein wenig in seiner Bibel auskennt, und am Karfreitag bei den Lesungen zuhört,

der hört natürlich Jesaja 53 mit, den stellvertretend leidenden Gottesknecht, der hört die Passionsgeschichte mit ... Jesu Weg ans Kreuz ... wir haben diesen Abschnitt als Lesung gehört und werden in der Passionsandacht am Mittwoch darüber nachdenken …

Ein Mensch wie ein Lamm ... Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder .. und dazu gehören wir auch, jeder von uns ...

Geschrieben wurden diese Verse 1647, also kurz vor dem Ende eines unsäglichen Mordens im Verlauf des 30jährigen Krieges.

Man spürt in den Worten Gerhardts immer wieder, auch hier, die Wahrnehmung der Grausamkeit dieses Krieges. Es sind die Mittenwalder Jahre, in denen er in dem kleinen Städtchen nahe Berlins eine Pfarrstelle bekleidet. In diese Zeit fällt aber auch der Tod der ersten Tochter. Noch drei weitere Kinder musste Paul Gerhardt gemeinsam mit seiner Ehefrau Anna Maria zu Grabe tragen.

Ganz sicher hat dieses Lebensschicksal den Glauben von Anna Maria und Paul Gerhardt geprägt. Das Leben erfuhren beide in seiner Härte und sie spürten die Sehnsucht der Menschen nach Hoffnung.

Von beidem handelt das Passionslied, von der Härte und von der Hoffnung, aber zunächst konzentriert es sich ganz auf das stellvertretende Leiden Jesu Christi. Es geht um die Erlösung, die im Zentrum der Passionstheologie steht.

Die Aufgabe des Lammes und Kindes ist es, sich der Menschen zu erbarmen:

Und hier wählt der Dichter Paul Gerhardt ein interessantes Stilmittel... er transzendiert, um es mit einem Fremdwort zu sagen, er übersteigt unsere Grenzen, die Grenzen von Zeit und Raum ... er steigt hinauf in den Himmel ... und wir befinden uns plötzlich – nach diesem biblischen Bild aus Jesaja 53 – wir finden uns plötzlich wieder in einem Zwiegespräch zwischen Gott Vater und Sohn ... vor unser aller Zeit ...

"Geh hin, mein Kind, und nimm Dich an/ der Kinder, die ich ausgetan/ zur Straf und Zornesruten…die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los / durch Sterben und durch Bluten.«

Die Antwort des Sohnes in V.3: »Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich will dir's tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.«

Und dann bricht ein Lobpreis der Liebe Gottes durch:

„O Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst - was nie kein Mensch gedacht - Gott seinen Sohn abzwingen.“

Dieser Lobpreis der Liebe Gottes geht weiter, ich unterbreche nur kurz, um auf den letzten Teil des Verses aufmerksam zu machen, in dem von Grab und Sarg die Rede ist, und von Felsen, die zerspringen ...

„O Liebe, Liebe, du bist stark, du streckest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen.“

Vor dem die Felsen springen .. ein zarter, aber deutlicher Hinweis auf das Grab, das gesprengt wird, auf die Auferstehung, die den Tod überwindet ... auf Ostern ..

Interessant, nur hier kommt Ostern, kommt die Auferstehung ins Spiel ... genau am Schnittpunkt zwischen den beiden Teilen des Liedes ... am Schnittpunkt zwischen dem ersten Teil, den ersten drei Versen, in denen es um die Passion geht, um die Theologie des Kreuzes, um das, was Christus für UNS getan hat .. und dem zweiten Teil, in dem es um unseren Glauben geht ...

Und das ist eine Eigenart, etwas Besonderes, das sich durch eigentlich alle Lieder Paul Gerhardts zieht .. egal ob sie bei der Passion beginnen oder bei einer bunten Sommerwiese wie bei „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ .. immer führt er zum eigenen, persönlichen Glauben, der sich in Freud und Leid zu bewähren hat .. und immer endet er am Ende der Verse bei der himmlischen Herrlichkeit ...

 

Der zweite Teil also:

Unser Glaube, der Antwort ist auf das, was Gott in seiner Liebe für uns getan hat ...

Ich sage dazu gar nichts, die Worte des Liedes sollen für sich selber sprechen.

Wir singen die Verse 4+5:

  1. Mein Lebetage will ich dich / aus meinem Sinn nicht lassen,

dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen.

Du sollst sein meines Herzens Licht, und wenn mein Herz in Stücke bricht,

sollst du mein Herze bleiben; ich will mich dir, mein höchster Ruhm,

hiermit zu deinem Eigentum / beständiglich verschreiben.

  1. Ich will von deiner Lieblichkeit / bei Nacht und Tage singen,

mich selbst auch dir nach Möglichkeit / zum Freudenopfer bringen.

Mein Bach des Lebens soll sich dir / und deinem Namen für und für

in Dankbarkeit ergießen; und was du mir zugut getan,

das will ich stets, so tief ich kann, in mein Gedächtnis schließen.

Der eigene, der persönliche Glaube, der findet seinen Ausdruck durchgehend in Paul Gerhardts Liedern. Ob hier, oder in der bekannten vorletzten Strophe von „Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“

„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum,

und laß mich Wurzel treiben.

Verleihe, dass zu deinem Ruhm/ ich deines Gartens schöne Blum

und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.“

Herzensfrömmigkeit hat man das auch genannt .. und theologiegeschichtlich finden wir Paul Gerhardt hier und auch sonst in einer Zeit des Übergangs, an der Schwelle zwischen Orthodoxie und Pietismus .. zwischen Orthodoxie, in der der rechte Glaube betont wurde, teilweise bis zu einer Erstarrung ... und Pietismus, in der die persönliche Frömmigkeit einen neuen Stellenwert erhalten hat ...

Der persönliche Glaube, der im Leben trägt, in guten und in schlechten Zeiten ... der ist Paul Gerhardt sehr wichtig ...

Aber worauf gründet sich dieser Glaube? Auf unsere Gefühle ... auf unsere Erfahrungen .. auf unsere Kraft, zu glauben? Nein.. und hier erweist er sich wieder als ganz pointierter Verkündiger evangelischen Glaubens, hier kommt Wesentliches der Reformation dichterisch zur Sprache ...

Nein, der Glaube ist nicht etwas, was wir machen können, was wir uns verdienen könnten .. er ist ein Geschenk Gottes ... er gründet in der Liebe Gottes zu uns .. unsere Liebe, unser Glaube darf eine Antwort darauf sein ...

Wir haben es gesungen am Ende der 5.Strophe:

Mein Bach des Lebens soll sich dir / und deinem Namen für und für

in Dankbarkeit ergießen; und was du mir zugut getan,

das will ich stets, so tief ich kann, in mein Gedächtnis schließen.

Was du mir zugut getan ...

Ganz fett gedruckt und dick unterstrichen: Was du mir zugut getan ...

Was du, Gott, für mich getan hast .. in deiner Liebe ... das ist der Grund meines Glaubens ... das trägt mich und hält mich ...

Und jetzt, in der 6.Strophe entfaltet Paul Gerhardt das ... was Gott für ihn getan hat, was seinen Glauben ausmacht, was ihn trägt und hält ..

Er entfaltet das in unnachahmlicher Weise ... poetisch, praktisch .. in einer Dichte der Bilder, die ihresgleichen sucht ...

Es ist natürlich subjektiv, aber ich halte diese Strophe für einen der ganz großen Höhepunkte evangelischer Liederdichtung deutscher Zunge ..

  1. Das soll und will ich mir zunutz / zu allen Zeiten machen;

Und die Bilder, die jetzt so dicht aufeinander folgen .. die müsste man sich wirklich ganz langsam auf der Zunge, besser im Herzen zergehen lassen ... das geht hier nicht .. aber vielleicht nehmen sie sich zuhause in einer stillen Stunde noch einmal das Gesangbuch und meditieren über das Lied und diese 6.Strophe:

Das soll und will ich mir zunutz / zu allen Zeiten machen;

im Streite soll es sein mein Schutz,

in Traurigkeit mein Lachen,

in Fröhlichkeit mein Saitenspiel;

und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen;

im Durst soll's sein mein Wasserquell,

in Einsamkeit mein Sprachgesell /

hier möchte ich doch ein wenig innehalten .. bei dieser Formulierung, die ich schlicht und einfach für genial halte ...

in Einsamkeit mein Sprachgesell ..

wenn ich keinen Gesprächspartner habe, wenn ich mir selber nichts mehr zu sagen habe, wenn mir die Argumente anderer und meine eigenen zum Hals heraushängen, wenn meine Worte leer im Raum hängen und das Echo kaum zu ertragen ist ...

in Einsamkeit mein Sprachgesell ....

wenn ich mir so sehr jemanden zum Reden wünsche, aber keinen hab ... wenn ich mit meinem Partner oder meinen Kindern über manches nicht reden kann ...

in Einsamkeit mein Sprachgesell ...

da ist jemand, mit dem ich reden kann, auch wenn ich sonst niemanden habe ..

in Einsamkeit mein Sprachgesell ...

zu Haus und auch auf Reisen.

Es ist nicht selbstverständlich, dass wir behütet und gesund wieder heimkommen, dass wir abends einschlafen ohne trübe Gedanken und ohne Gefahr ... zu Haus und auch auf Reisen

Wir singen diese 6.Strophe ...

Und schließlich schließt Paul Gerhardt wie so oft den Bogen seines Liedes hin zur ewigen Herrlichkeit, die uns erwartet und die ihr Strahlen schon jetzt auf dieses manchmal so harte und schwere Leben wirft ...

Allein über die biblischen Bilder, die er hier in e i n e r Strophe verwendet, könnten wir eine eigene Bibelstunde machen ...

Sein Reich ... Blut ... Purpur ... Kleid ... Krone ... Thron ... Vater ... und nicht zuletzt die Braut, die in der Bibel immer wieder als Bild der Gemeinschaft mit Gott verwendet wird, zuletzt und ganz am Ende in Offb. 21: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“

Wir singen die 7. und letzte Strophe, bevor wir miteinander das Hl. Abendmahl feiern.

  1. Wenn endlich ich soll treten ein / in deines Reiches Freuden,

so soll dein Blut mein Purpur sein, ich will mich darein kleiden;

es soll sein meines Hauptes Kron, in welcher ich will vor den Thron

des höchsten Vaters gehen / und dir, dem er mich anvertraut,

als eine wohlgeschmückte Braut / an deiner Seite stehen.

Text: Paul Gerhardt 1647

Melodie: Wolfgang Dachstein 1525 »An Wasserflüssen Babylon« (zu Psalm 137)