TPL_EVANGEISNEU_SKIP_LINK_LABEL

 

Predigt Apostelgeschichte 8, 26-39 Eisenstadt 6.n.Trin. 15.Juli 2012

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus!

„Ja, derfns des denn“ habe ich diese ungewöhnliche Begegnung überschrieben, die uns in Apostelgeschichte 8 überliefert ist. Eine außergewöhnliche Geschichte, die Grenzen sprengt. Die vom Wirken des Geistes Gottes erzählt. Noch dazu mit einem geistlichen „happy end“.

(Verlesung des Predigabschnitts)

  1. Eine ungewöhnliche Begegnung

Geradezu geschaffen für ein Drehbuch.

Auf der einen Seite Philippus. Von dem wir nicht viel mehr wissen, als dass er zu einem der sieben Diakone gewählt wurde, die sich besonders um das Wohl der Witwen und Waisen und der Armen in der Gemeinde zu kümmern hatten. Der in Samaria mit Vollmacht gepredigt hat.

Und hier begegnen wir ihm wieder.

Ein Engel des Herrn gibt ihm einen Auftrag:

Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt      und öde ist.

Mehr wird ihm nicht gesagt, kein spezieller Auftrag, was er dort zu tun hätte.

Keine Begründung, wieso und warum.

Nur dass die Straße ziemlich verlassen ist.

Auf der anderen Seite dieser Kämmerer aus Äthiopien.

Schatzmeister, Finanzminister der Königin Kandake. Dafür hat er nach damaliger Sitte einen hohen Preis bezahlen müssen. Er war Eunuch, unvollkommen gemacht in seiner Männlichkeit, auf deutsch: kastriert.

Und dieser Chef über die Finanzen der Königin macht eine Wallfahrt nach Jerusalem. „Er war gekommen, um anzubeten“ – lesen wir. Irgendetwas scheint ihn in Bewegung gesetzt zu haben, irgendetwas scheint ihn hinzuziehen zu diesem Gott Israels.

Er hat es dabei wirklich nicht leicht. Vielleicht ist er sich mitten unter der Festgemeinde in Jerusalem vorgekommen wie ein Diabetiker bei einem Festessen.

Für ihn gibt es nur Stoppschilder und Verbote. Er muß v o r dem Tempel stehenbleiben, das Innere bleibt ihm verwehrt.

Zu Hause war er hochgeachtet … aber hier … hier konnte jeder auf ihn herabschauen.

Als Eunuch war er nach dem 5.Buch Mose (23,2) kultusunwürdig, d.h. er durfte am Gottesdienst nicht unmittelbar teilnehmen. Ein Wechsel der Religion war nicht möglich – er konnte Jahwe nur aus der Ferne anbeten.

Trotzdem läßt er es sich nicht verdrießen und nimmt sogar eine Schriftrolle des Propheten Jesaja mit. Aber er kann wenig damit anfangen. Was soll das alles bedeuten?

Da trifft er, wie zufällig, auf Philippus.

Der hört, wie der Fremde laut aus dem Propheten Jesaja liest – offenbar konnte er hebräisch (oder hatte er eine griechische Übersetzung) – und fragt ihn ziemlich direkt: „Verstehst du auch, was du liest?“

(Eine Frage übrigens, die nicht nur im Zusammenhang mit der PISA-Studie ausgeweitet und auf viele Bereiche übertragen werden kann …)

„Verstehst du auch, was du liest?“

„Wie soll ich das verstehen, wenn mich niemand anleitet?“ …

Ein Mensch aus fernen Landen, vom Geist Gottes vorbereitet für das Evangelium …

Ein anderer, Philippus, vom Geist Gottes vorbereitet, ihm das Evangelium weiterzusagen …

„Zufall“ ist eine Erklärungsebene, die dem Ganzen wohl nicht gerecht wird.

Ich glaube schon längst nicht mehr an Zufälle. Ich halte es da eher mit Karl Heinrich Waggerl, wenn den noch jemand kennt: „Zufall ist der kleine Finger vom lieben Gott, wenn er unerkannt bleiben möchte.“

Kennen Sie übrigens die einzige Bibelstelle, in der „Zufall“ vorkommt? Das ist Matthäus 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“

  1. Also: Eine ungewöhnliche Begegnung
  2. Einer, der wenig Ahnung hat, wird getauft.

Er hatte ja wirklich nicht viel Ahnung, seine Exzellenz, der Herr Finanzminister. Interesse zwar und einen Bibeltext, aber sonst war da nicht viel.

Immerhin, er war sehr aufgeschlossen.

Und jetzt erzählt ihm Philippus, worum es in dem Abschnitt aus dem Buch Jesaja geht. Wer das Lamm ist, das zur Schlachtbank geführt wird. Dass mit dem leidenden Gottesknecht der Messias gemeint ist (übrigens ein interessanter Beitrag zur Auslegungsgeschichte der Gottesknechtlieder …).

Und dass es bei alledem um Jesus Christus geht. „Er predigte ihm das Evangelium von Jesus“ (V.35).

Sicher hat er ihm auch erzählt, dass dieser Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft. Und wohl auch, sonst wäre das Folgende nicht verständlich, dass man sich taufen lassen kann, wenn man an Jesus glaubt.

Die Reaktion des Äthiopiers ist verblüffend unmittelbar: „Siehe (schau her)“ … dieses kleine Wörtlein „Siehe“ kommt in der Bibel oft vor, wenn danach, sozusagen leise eingeleitet, etwas Wichtiges kommt.

„Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ (V.36)

Gibt es irgendwas, das uns hindert, mich taufen zu lassen, gleich hier und jetzt? Philippus war offensichtlich der Meinung: Nein. Und hat ihn getauft.

„Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.“ (V. 38).

Aber da erhebt sich die Frage: 3. Jo, derfns des denn?

Den Kämmerer taufen. Ganz einfach so. Ohne Vorbereitung. Ohne irgend was.

Wir können uns vorstellen, im Text steht das nicht, dass Philippus den Jüngern und Verantwortlichen der Gemeinde in Jerusalem voller Freude von diesem Erlebnis erzählt hat. Und sich dann gewundert hat über das Schweigen …

Getauft, ganz einfach so … Der schwarze Fremde weiß doch noch viel zu wenig. Eine Taufvorbereitung, ein Katechumenat, ein bisschen Konfirmandenunterricht … wenigstens ein kleines Glaubensbekenntnis … ein ganz kleines, müsste schon dabei sein. Da warst du etwas zu übereifrig, Philippus.

Es ist theologisch wirklich lustig und in den neueren Ausgaben der Lutherübersetzung (kleingedruckt) auch deutlich zu sehen. Erst in späteren Handschriften wurde Vers 37 hinzugefügt:

„Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

Jetzt war die theologische Welt wieder in Ordnung. Der Äthiopier ist getauft worden, aber mit Glaubensbekenntnis. Ein bisschen Ordnung muss schließlich sein. Auch bei den ersten Christen.

Unser Predigtabschnitt ist auch deshalb so interessant, weil er uns Einblick gibt in die unmittelbare Missionssituation, als es außer dem Kern in Jerusalem noch keine Gemeinden gab und keine Gemeindeordnungen und keine Traditionen und keine Richtlinien, an die man sich halten konnte oder zu halten hatte.

Als Menschen noch ganz spontan und ohne Gemeindeordnung und Kirchenverfassung das Evangelium weitergesagt haben.

Einer, der wenig Ahnung hatte, wurde also getauft.

Bei uns ist es im Normalfall eher umgekehrt.

  1. Einer, der getauft wird, hat wenig Ahnung

Die meisten Menschen in unserem Lande werden immer noch als Kinder getauft. Dafür gibt es gute Gründe, auf die ich jetzt aber nicht eingehen möchte. Gottes Liebe geht unserem Glauben immer voraus. Unser Leben ist verknüpft mit IHM von Anfang an.

Die Taufe aber schreit förmlich nach einer Konsequenz im Leben. Das, was Gott an Großartigem in dein Leben hineingelegt hat, das soll nun auch seinen Ausdruck finden. Taufe und Glauben sollen sich zu einem lebendigen Miteinander verbinden.

Das beinhaltet auch die Verpflichtung für Eltern und Paten (Fragen bei der Taufe) und (!) die Gemeinde, den Kindern den Glauben lieb zu machen, sie heran- und hineinzuführen in eine lebendige Beziehung zu Gott. Zum Vertrauen, das unser Leben prägen darf. Immer noch sind Glaube und Vertrauen im Griechischen dasselbe Wort.

Tauftropfen, Kindergottesdienst, Religionsunterricht, Konfirmandenvorbereitung, Gottesdienste … es gibt so viele Möglichkeiten, tiefer mit dem Glauben, dem Vertrauen an Gott verbunden zu werden.

Hier setzt auch das Taufgedächtnis an, das heute, am 6.Sonntag nach Trinitatis, im Ablauf des Kirchenjahres einen besonderen Schwerpunkt bildet.

Du bist getauft. Damit bist du verbunden mit Jesus Christus. Du trägst als Christin, als Christ seinen Namen.

Und das soll im Alltag seinen Ausdruck finden. „Glauben auch am Montag“, eine neue Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Wie schaut das in deinem Alltag aus? Ist da Platz für Gott, für ein Gebet am Morgen und am Abend, vielleicht sogar vor dem Essen? Ein paar Minuten des stillen Gesprächs mit den Losungen oder einem Abschnitt aus der Bibel?

Manchmal scheitert das an Kleinigkeiten. Wie macht man das eigentlich? Oder: Ich habe schon so viel vergessen. Oder: Mir fehlen manche Grundlagen. Oder: Es interessiert mich zwar, aber ich kenne mich nicht so gut aus.

Dem kann abgeholfen werden. Darum laden wir Sie ab Herbst ein, einmal im Monat über die Grundlagen des Glaubens nachzudenken.

„Dem Glauben einen Raum geben“.

Dieses Motto für die Errichtung unseres "Evangelischen Gemeindezentrum Eisenstadt" soll auch über diesem "Glaubenskurs" stehen. Weil der beste Bau nichts nützt, wenn er nicht mit Leben und Glauben erfüllt ist.

„Dem Glauben einen Raum geben“.

Zum Auffrischen. Zum Vertiefen. Gemeinsam und ganz persönlich. So weit, wie jeder, jede sich einbringen und den Glauben, das Vertrauen an Gott im Alltag leben möchte. Bitte merken Sie sich diesen einen Abend im Monat jetzt schon vor.

Du bist getauft. Dein Leben ist verknüpft mit Jesus Christus von Anfang an. Du trägst seinen Namen.

Das dürfen wir ernst nehmen. Uns darüber freuen, dass Gott uns lieb hat.

Und wir können ihm Antwort geben:

Gott, ich möchte zu dir gehören. Dir vertrauen.

Ich möchte Jesus nachfolgen und zu ihm gehören.

Ich sehne mich danach, dass der Heilige Geist mein Leben prägt und gestaltet.

Gelebte Taufe.

  1. Und letztens: Begleiter gesucht

Der Finanzminister aus Äthiopien hat einen Begleiter gesucht auf seinem ganz persönlichen, speziellen Weg des Glaubens.

Wie viele unserer Gemeindeglieder und unserer Nachbarn brauchen ebenfalls einen Begleiter, eine Begleiterin auf ihrem ganz persönlichen Weg des Glaubens.

Es sind nicht immer die großen Evangelisten gefragt, die die Massen begeistern. Schön, dass es sie gibt. Nicht jeder hat die Gabe, Hausbesuche zu machen oder Menschen im Seniorenheim zu besuchen. Die Gaben sind verschieden und nicht jeder ist mutig genug, an seinem Arbeitsplatz seinen Glauben an Gott zu bekennen und seine Stimme zu erheben, wenn blöde Witze gemacht werden …

Oder vielleicht doch?

Seine eigene Taufe ganz ernst nehmen, Christin/ Christ zu sein im Alltag, auch am Montag …

Auf Gott hören und die kleinen Gelegenheiten ausnützen, um andere zu begleiten auf ihrem persönlichen, unverwechselbaren Weg des Glaubens.

Es muss ja nicht der Schatzmeister, der Finanzchef eines fernen Landes sein, über dessen weiteren Weg wir im übrigen nichts wissen … es kann auch der Nachbar sein oder der Ehepartner oder die Kinder (in der eigenen Familie ist es besonders schwer) … oder jemand, der heute neben ihnen oder vor ihnen oder hinter ihnen in der Kirche sitzt …

Augen und Ohren zu öffnen für die Begegnungen, die Gott für uns bereit hat … und die Herzen. Zufälle gibt es, wie besprochen, nicht.

Begleiter gesucht. Die mithelfen, dass es anderen ähnlich geht wie dem Kämmerer aus Äthiopien: (V.39) „Er zog aber seine Straße fröhlich.“

Das wünsche ich Ihnen für diesen Sommer:

Die Dankbarkeit, dass ihr Leben mit Gott verbunden ist.

Den Mut, vom Glauben nicht zu schweigen, sondern mitzuhelfen, dass andere mehr von Jesus Christus erfahren, auch Getaufte ohne Glauben.

Offene Augen und Ohren und Herzen für die Möglichkeiten, die Gott uns schenkt.

Damit viele – so wie der Finanzminister aus Äthiopien – die Straße ihres Lebens fröhlich ziehen können.

Amen.