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(Predigt zum Pfarramtsexamen am 24.6.1984, zuletzt mit veränderter Einleitung gehalten am 16.Dezember 2012, 3.Advent, in Graz-Liebenau als Nachklang zum 50-Jahr-Jubiläum der Erlöserkirche)

Jesaja 40, 1-5 „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Advent 2012)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde in Graz-Liebenau!

Die Jahre scheinen es mit sich zu bringen, dass sich die Jubiläen häufen.

Heuer innerhalb weniger Wochen: 30 Jahre Dienst in der Kirche, 30 Jahre verheiratet.

Im Oktober die Einladung zum 40-Jahr-Jubiläum der Kirche in Wien-Hetzendorf, in der ich mein Vikariat absolviert habe.

Nun als Nachklang – bei der Feier im August waren wir auf Gemeindefahrt im Elsass – die 50-Jahr-Feier der Kirche in Liebenau. Es war unsere erste Pfarrstelle, und manche sagen, das sei auch so etwas wie die erste Liebe.

Ich bin damals in die Fußstapfen von Günther Matthias Rech und vorher von Sepp Meier hineingetreten und habe die Unterstützung beider schätzen gelernt.

Günter Rech hat mir z.B. gesagt: „Du bist jetzt Pfarrer von Liebenau. Ich mische mich nicht mehr ein. Ich komme dann zu Euch, wenn eine Visitation gibt – dazu kam es nicht mehr – oder wenn Ihr mich fragt“ – wir haben ihn öfter gefragt.

Und Sepp Meier war uns in seiner Pension mit seiner Gattin ein liebevoller Begleiter. Er hat in der Nachkriegszeit diese Gemeinde – dieses Töchterlein der großen Heilandskirche – durch unzählige Hausbesuche aufgebaut. Eine Tradition, die wir aufnehmen wollten und so haben wir die Diaspora im Südosten ziemlich gut kennengelernt.

Ich erinnere mich an eine Kirchenbeitragssitzung in der Heilandskirche, in der besprochen wurde, wieviele Gemeindeglieder wo wohnen. Da wurden dann Fähnchen gesetzt .. hier soviele, dort soviele … nur wir in Liebenau wussten, wer wo genau wohnt. Mit Namen.

Und ein Satz von Günter Rech hat mich immer begleitet, ich habe ihn oft zitiert, aus einer Gemeindevertretersitzung des Jahres 1974: „Der Gottesdienst ist nicht eine Veranstaltung des Pfarrers, zu dem er sich ein Publikum einlädt, sondern der Gottesdienst ist im NT das von der Gemeinde gefeierte und verantwortete Großereignis des christlichen Glaubens.“

Die Kirchengeschichte hat mein Leben immer begleitet und spätere Arbeiten haben manche Anerkennung gefunden. Aber die erste, stille Arbeit war die über die Entwicklung des Seelsorgesprengels Liebenau. Falls Sie es noch nicht wahrgenommen haben – diese Geschichte Ihrer Gemeinde ist etwas Besonderes … – herausgewachsen aus vielen, vielen Hausbesuchen und wissenschaftlich fundiert zwischen Quellenstudium und Oral History.

Ein Entwurf, der mir damals in seiner Originalität als junger Pfarrer gar nicht bewusst war, aber sonst kaum irgendwo zu finden ist – wie eben in Liebenau.

(Exkurs zu den Beziehungen des Burgenlandes zu Graz-Liebenau: Zuzüge, aber auch umgekehrt: Aus einem Konfirmandenjahrgang sind drei Pfarrer aus Liebenau im Burgenland tätig: Michael Rech in Eltendorf, Heribert Hribernig in Markt Allhau, Gerhard Harkam nun wieder in Stadtschlaining … also vier der derzeit im Burgenland tätigen Pfarrer kommen aus Graz-Liebenau oder waren dort)

Genug der Remiszenzen. Aber nicht ganz.

Ich habe mich bei all den Jubiläen gefragt: Was hast Du den damals, vor 30 Jahren oder so, verkündigt. Kannst Du immer noch zu dem stehen .. wie hast Du Dich verändert …

Und habe deshalb in meinem persönlichen Archiv geforscht … habe in Wien-Hetzendorf eine meiner ersten Predigten als Vikar herausgeholt und heute – etwas variiert – meine Prüfungspredigt als Pfarrer aus dem Jahr 1984, kurz bevor ich nach Liebenau gekommen bin.

Zufällig ist der Predigttext, der mir damals für den Johannistag zugeteilt wurde, genau der, der für den heutigen Sonntag vorgesehen ist.

Wir blenden also zurück in das Jahr 1984, wenige Tage, bevor meine Frau und ich hierher übersiedelt sind. Und wo unsere beiden älteren Töchter geboren wurden.

Jesaja 40, 1-5.

1.Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.

  1. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass eure Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
  2. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
  3. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
  4. denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hats geredet.

 

Tröstet, tröstet mein Volk. Ein Adventtext mitten im Alten Testament. Aufgenommen später im Neuen Testament bei Johannes dem Täufer.

Und noch viel später aufgenommen von Martin Luther King.

Tröstet, tröstet mein Volk. Redet freundlich mit ihm. Sagt ihm – mit den Worten eines Liedes unserer Zeit -: „Die Knechtschaft hat ein Ende, frei sind die gebundenen Hände, denn Gott hat ein Wunder getan.“

Ist denn da jemand, der Trost braucht? Der auf die Botschaft wartet, dass ihm seine Schuld vergeben ist … Dass Gott mit ihm neu anfangen möchte?

Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass in unseren Gottesdiensten nur Leute sitzen, die eigentlich keinen Trost brauchen. Man kommt, sitzt nebeneinander, hört zu oder auch nicht und geht wieder heim. Manchmal ein kleiner Tratsch danach, der mit dem Gottesdienst selber aber kaum etwas zu tun hat.

Und all das umgeben von einer Selbstverständlichkeit, dass doch eh alles in Ordnung ist.

Sollte es uns nicht manchmal traurig stimmen, dass in einer solchen Atmosphäre des Guten, Anständigen, Ordentlichen, Bürgerlichen sich mancher verloren vorkommt. Einer, bei dem eben nicht alles in Ordnung ist, der mit seinen Sorgen und Fragen, mit seinen Grenzen nicht ins Reine kommt – und dann danebensteht oder „danebensitzt“.

Und genauso traurig, wie er gekommen ist, geht er wieder heim. Oder noch trauriger, weil er das, was er gesucht hat, nicht gefunden hat.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Gemeinsames Leben“ in aufrüttelnder Weise darauf aufmerksam gemacht, dass wir als Christen nicht nur eine „Gemeinschaft der Heiligen“, sondern auch eine „Gemeinschaft der Sünder“ sind.

Wo suchen dann die traurig Heimgegangenen Trost? Was hören sie dann? Oft Worte und sogenannte Weisheiten, die alles noch schlimmer machen.

Vertröstungen: Es ist alles halb so schlimm. Es wird schon wieder werden, alter Knabe.

Oder dieses grausame Sprichwort: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott …“ – ein gnaden-loses Wort, das nichts von der Gnade weiß.

Was ist mit denen, die sich selbst nicht helfen können, die alleine nicht fertig werden.

Tröstet, tröstet mein Volk. – Zum ersten Mal hat es der Prophet gesprochen zu Menschen, die sich selber nicht helfen konnten. Die weggeführt wurden aus ihrer Heimat in die Gefangenschaft nach Babylon. Fremd in einem fremden Land. Die Hände gebunden. Abhängig vom guten Willen des Herrschers. Weit weg das Ziel, von dem sie träumen und der Tempel als geistliche Heimat. Dazwischen liegt die Wüste.

Tröstet, tröstet mein Volk. – Ein Wort, das durch die Tiefe gegangen ist, das die Tränen kennt. „On the rivers of Babylon“ heißt es in Psalm 137, „an den Wassern von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“

Ein Wort, das sie Sehnsucht kennt: Nach der Heimat in Jerusalem. Und nach Gott. Dass er endlich eingreift, dass er uns nicht mehr so sitzen lässt, ausgeliefert in der Fremde.

Tröstet, tröstet mein Volk. – Hört Ihr den neuen Klang? Gott sagt „mein Volk“! Ihr gehört zu mir, ich lasse euch nicht im Stich, ich führe euch heraus aus eurer Lage. Etwas völlig Neues soll anfangen, das ihr euch noch gar nicht vorstellen könnt.

S o tröstet Gott. Er legt nicht nur Balsam auf die Wunden, damit die elende Lage ein wenig erträglicher wird. Er tut etwas. Er handelt.

Im hebräischen Wort steckt das mit drinnen: Trösten heißt auch helfen. Gott tröstet, indem er hilft, indem er eingreift, indem er Zerstörtes neu macht, Verwundetes heilt.

Auch in unserem deutschen Wort „Trösten“ steckt mehr als dieser weiche, schwächliche, ver-tröstende Ton, der so oft mitgehört wird. Es hängt in der sprachlichen Wurzel zusammen mit dem Wort „Treue“.

Gott ist treu. Und da geht es nicht nach dem Sprichwort: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“.

Er hilft nicht nur den Starken und den Braven, sondern auch und gerade den Schwachen und den Schlimmen. Denen, die nicht so fest im Sattel sitzen, die Fragen haben und Zweifel, die sich ausstrecken nach Trost und Hilfe.

Gottes Treue kommt uns entgegen. Das ist die Art, wie er tröstet.

Die Knechtschaft ist zu Ende. Die Schuld ist vergeben.

Natürlich könnte man sagen: Die sind doch selber schuld. Es stimmt auch oft. Aber Gott trägt nicht nach. Er zählt nicht alles auf, was wir falsch gemacht haben, und wärmt es immer wieder auf. Er trägt die Schuld nicht nach, weil sie sein Sohn ans Kreuz getragen hat. - „Die Knechtschaft hat ein Ende, frei sind die gebundenen Hände, denn Gott hat ein Wunder getan.“

Tröstet, tröstet mein Volk. Es hat viel Schweres zu tragen gehabt.

Redet freundlich mit ihm. Wörtlich: Redet zu seinem Herzen.

Redet zu seinem Herzen … Im Kopf, da wissen sie es ja. Und in ihren Büchern steht es. In ihren Gottesdiensten wird es vorgelesen und nachgesprochen. Aber die Herzen, die sind oft so weit weg.

Woran liegt es, dass wir uns Gott oft so schwer als Tröster vorstellen können? Dass viele Menschen die Mutter Maria als Zwischenstation brauchen, um seine Freundlichkeit und Wärme nachempfinden zu können?

Ein zärtlicher Gott. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes. 66,13).

Der sein Angesicht über uns leuchten lässt, dessen Freundlichkeit uns durchdringen und gestalten möchte.

Der seine Herde weidet wie ein Hirte – ein Bild, das unmittelbar an unseren Predigttext anschließt -, ein Hirte, der seine Schafe in den Arm nimmt und sie im Bausche seines Gewandes trägt. Der die Mutterschafe ganz behutsam führt.

Warum erscheint uns dieser liebevolle, zärtliche Gott oft so fern.

Ich habe damals in meiner Examenspredigt vom 24.Juni 1984, dem Johannistag, einige Überlegungen dazu angestellt. Ein Satz hat mich bewegt, wörtlich vor mehr als 28 Jahren:
„Weil Zwiespalt und Trennung unter denen herrscht, die sich Christen nennen (Tratsch und Kämpfe hinter den Kulissen)“. Zum Glück hat sich seither viel verändert.

Tröstet, tröstet mein Volk. Redet zu seinem Herzen. Sagt ihm, dass ich es nicht alleine lasse in seiner Not.

Nehmt die Müden an der Hand, lasst die Traurigen sich ausweinen an euren Schultern, sagt den Selbstsicheren, dass sie ihr Leben nicht alleine meistern müssen.

Denn Gott macht sich auf den Weg und bricht sich Bahn.

Bricht sich Bahn.

Eine Stimme ruft: „In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, in der Steppe macht eine ebene Bahn unserm Gott.“

Solche Straßen waren bekannt, dem Volk in der Gefangenschaft standen sie vor Augen: Siegreiche Könige fuhren auf ihnen einher, den Göttern Babylons wurden Prachtstraßen gebaut für die Prozessionen.

Aber eine Straße in der Wüste? Wer hat das schon gehört. Ein Weg in der Weglosigkeit…

Das aber ist die Art, wie Gott tröstet. Mit Worten und mit Taten.

Woran keiner gedacht hat, was sich keiner vorstellen konnte, dafür setzt er einen neuen Anfang. Setzt Unmögliches in Bewegung.

Sein Volk soll den Weg in die Heimat finden – durch die Wüste nach Jerusalem.

  1. Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
  2. denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden (soll offensichtlich werden für alle), und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hats geredet. - Und was er sagt, das tut er auch.

Ein Prophet des letzten Jahrhunderts, Martin Luther King, hat genau diese Verse aufgenommen und für seine Zeit gedeutet.

1963, im Rahmen des Protestmarsches nach Washington, hat er eine der beeindruckendsten Reden der Weltgeschichte gehalten: „I have dream. Ich habe einen Traum."

Den Traum von einer Zeit, in der Gottes Wort sich erfüllt und alle Menschen gleich sind, in der die Menschenwürde der schwarzen Amerikaner nicht nur im Gesetz verankert, sondern Wirklichkeit ist.

„Ich habe einen Traum …“ hat er gesagt.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.
…..

Wenn wir die Freiheit erschallen lassen — wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes — schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken — sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können: "Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!" Free at last.

So spannt sich ein großer spannender Bogen von dieser prophetischen Botschaft des Alten Testaments: Tröstet, tröstet mein Volk… Gott wird euch zurückführen in eure Heimat …

zunächst zu Johannes dem Täufer im Neuen Testament. „Er ist der, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat und gesprochen: ‚Bereitet dem Herrn den Weg und macht seine Steige richtig‘ (Mt. 3,3).

Er ist der Botschafter des Kommenden, ein Wegweiser auf den, der nach ihm kommt und viel größer sein wird als er – immer wieder abgebildet mit dem Finger, auf Jesus weisend. Eine Art Zwischenperson zwischen Altem und Neuem Testament. Ein Rufer zur Umkehr.

Gott kommt in seinem Sohn. IHM macht Platz. IHM bereitet den Weg. Räumt weg alle Hindernisse … alles, was seinem Handeln im Wege steht.

Und dann spannt sich dieser Bogen weiter über Martin Luther King bis hin zu uns.

Ob diese alten Verheißungen auch heute noch Kraft haben und Bedeutung für uns?

Freilich: Je mehr wir darüber nachdenken „Macht Platz für Gott in eurem Herzen“, desto mehr stoßen wir an unsere Grenzen. An die Grenzen unserer Kräfte und Fähigkeiten: Das kann ich doch gar nicht, an die Grenzen unserer Vorstellungen: Das geht ja gar nicht.

Andrerseits: Je mehr der Wunsch in uns Gestalt gewinnt, Gott den Weg zu bereiten, Ihm nicht im Wege zu stehen, auf ihn zu hören, seine Wegweisungen und Gebote zu achten (auch das achte), desto mehr wird dieser Wunsch zu einem Gebet:

„Herr, ich soll Dir Platz machen – mach Du Dir Platz.

Ich soll Dir den Weg bereiten. Brich Du Dir Bahn.“

Und so könnte es in einer ganz normalen Adventzeit passieren, dass sich Gott über den Propheten des Alten Testaments und Johannes den Täufer und Martin Luther King Wege bahnt bis zu uns, manchmal sogar in der Wüste … Wege, die wir uns vielleicht noch gar nicht vorstellen können.

Amen.